Stadt satt

Prolog Von allen Sinnen gefällt mir persönlich das Riechen so richtig weil ich offensichtlich nicht wegriechen kann meine Nasenflügel lassen sich nicht schließen wie Augenlieder oder Lippen nicht wie Gehörgänge abdichten oder zurückhalten wie Fingerspitzen oder Wangen ich rieche also bin ich immer offen für alles was mir begegnet rieche ich um Wellenlängen voraus oft die Berührungen von Klängen rieche ich ganz Ohr dabei die Buntheit des Lebens und wie satt mir jeder Augenblick schmeckt rieche ich jeden noch so flüchtigen Moment in dieser von allen Sinnen vollen Welt in der sich wünschenswerterweise bald ich ahne es bereits wieder mehr Menschen riechen können Autowerkstatt In meiner Autowerkstatt beim Warten wo das Wechseln von Ölen und Blättern in Magazinen bei mir Gedankenketten starten wie beispielsweise Feierabende in Beirut wenn Kfz-Meister und ihre Gesellen verschmiert aus Autowerkstätten drängen mit ihren frisierten Gefährten um auf Ledersitzen wie in Satteln zu reiten und bei filterlosen Zigaretten auf das unrunde Schaukeln ihrer Motoren abzufahren vorbei an boomenden Bars und Bühnen die bar jeder Vernunft hier wie Pilze aus dem Boden schießen in Beirut der Liz Taylor unter den Städten wie ein Schriftsteller schrieb wahnsinnig schön abgetakelt und ständig voller Drama weiter mit Zwischengas durch kerosingetränkte Militärflughafenluft über sonnenverbrannte Bergwiesen immer höher hinaufsteuern auf Kalkstraßen um endlich einzubiegen in den letzten Zedernwald des Libanons dort angekommen den Motor abstellen den Zündschlüssel abziehen den Reißverschlussschlitten des öligen Overalls bis zum Bauchnabel fahren und die Scheibe kurbelnd mit Links im Türrahmen versenken langsam vermischen sich Metalldunst Motorenölschwaden und Dämpfe von Benzin mit einem Terpenecocktail geschüttelt aus frischem Zedernholz Nadeln und Zapfen ohne Scheinwerferlicht ist der Feierabend zapfenduster da oben wo die Mechaniker tief durchatmen gefühlt bis zu den Gaspedalen als wären sie In diesem Augenblick noch einmal geboren Gärtnerei Auf meinem Weg von der Werkstatt weiter erfahre ich von einer Gärtnerei in Meeresnähe ich halte hier Ausschau nach Blumen wie ein Laubfrosch auf einem Wasserlilienblatt sattestes Grün wohin das Froschauge reicht vom Grün der Blätter Farne Kräuter und Moose über das nasse Grün der Algen und Schilfe bis zum Hellgrün würziger Kardamomkapseln Zweige Sträucher und Eimer mit abgestandenem Blumenwasser zertretenes Grünzeug und abgeschnittene Stengel am Boden stapelweise Staudensellerie Unmengen Petersilienbündel neben Schlangen mit Töpfen vollgestopft mit Thymian die Luft ist üppig saftig salzig erdig moosig pilzig süss welk und rauchig und dann diese Gärtner überall angefeuert vom Duft der Destillate endlich duften hier auch mal Blumen Wasserlilien Mimosen Jasmin und Ylang-Ylang-Blüten aus den Tropen volles Programm unmissverständlich dämmert auch mir die botanische Botschaft hier ist es wie im Dschungel es grenzt fast an ein Wunder ich bleibe oben hier und geh nicht unter dräng mich nicht hier zu eskaliern ich versuche nur meinen Kopf nicht zu verlieren ha ha ha ha zu allem Überfluss vernehme ich im Gang vis a vis Schwaben schwallen wenn mi jetzt no oinr von denne sogenannte Gärtner schupst platzt mir dr Roifa don`t push me cause I`m close to the edge I`m trying not to loose my head Sie gell von Ihnen lass i mi do henna ned romschubsa it's all about money ain't a damn thing funny Peter I frog mi scho die ganze Zeit wie die Typa in dem Lada Ihre Kohle machet Copyshop Violettes Lichtflackern duftet hypnotisch aus einem Copyshop wie in Trance kopiere ich hier meine Papiere für das Treffen mit einem Bankier in dessen Finca am Plattensee kommende Woche oder kann es sein das Meeting ist morgen schon ganz woanders mit einem Plattenboss in Frankfurt am Main Plattensee Plattenboss bin durcheinander Mann was ist bloß los neben Elektrosmog liegt hier noch ein anderer Duft in der Luft der irritiert und betört nostalgischer Hauch von Blüten im Kontrast zum Wildwuchs an Elektrizität und Datenvolumen die es hier im Copyshop hochlädt hinter mir dicht eine Stimme Salut Violette ihr Name sie arbeite hier ich müsse entschuldigen wenn sie interveniere die vielen Veilchen im Shop seien alles ihre Erinnerungen daran barfuß in Toulouse wo sie als Blumenkind aufwuchs und wo Südwinde dich streicheln seien Veilchen ein Lebensgefühl sagte sie jedes Molekül dort würde verehrt wie anderswo fuhr sie fort automobile Silberpfeile mit Sternen was für ein glänzendes Stichwort rasend schnell will sie mich öfter treffen hautnah kennenlernen zeige mir auch ihr Veilchentattoo auf ihrem Schulterblatt wild verschlungen mit dem Wappen ihrer Heimatstadt oder geich ihr Bett abgelegen zuhause in ihrer Maisonnette ganz ehrlich emotional finde ich Violette so radikal wie der Duft elektromagnetischer Veilchen hat ihre unverblümte Art Suchtpotential und ihr anstößiges Wesen führt zeitnah ganz bestimmt zu einem Dominoeffekt nur am Ende mit a au revoir Seitenstraße Schon Viertel vor Zehn im Szeneviertel vor lauter Werkstattfantasien Auswüchsen in Gärtnereien sowie Avancen von Violette habe ich vergessen Abendzuessen und renne stattdessen in der Innentasche meiner Lederjacke hüpft eine offene Tafel Schokolade das Seidenfutter auf und ab mit ganzen Haselnüssen und Bitterorangeinseln die Duftmolekülwelle schwappt zart bitter edel zugleich kantig und frisch aus meiner Jacke hoch zu meinen Nasenflügeln vor einem angesagten Asiaten bleibe ich stehen durch die Eingangstüre pfeffern frisch frisierte Frauen mit Haarfestigerstrudel im Schlepptau wie 1982 als hier vor einer Disco noch Menschentrauben im Samstagnachtfieber standen und späteren Kiezgrößen in Korridoren wichen um am Leben zu bleiben life goin nowhere somebody help me somebody help me yeah Bassläufe tiefer Sandelholzakkorde wummern aus offenen Fenstern von räuchernden Stäbchen aufgelegt ich gehe in die Knie und streife abwärts Osmanthus einen Strauch süßer Duftblüten neben dem Eingang aprikosig mit Noten getrockneter Trauben am Boden dann meine Nase auf Kniehöhe über losen Schnürsenkeln dampft schwach noch Teer oder neuerdings Bitumen des zuvor asphaltierten Trottoirs auf dem die letzten Schoko- Haselnuss- und Bitterorangemoleküle ausgelassen hüpfen wie Flummis früher durch großen Pausen Theater Endlich angekommen am Theater die Vorstellung läuft husche ich durch Hintertüren in die Maske vorbei an Beleuchtern und Souffleusen und die Souffleusen soufflieren Junge geh doch mal steil Mann hallo spielst du den Bass bitte pronto hey Süsser geh mal mehr ins Risiko spazieren hey babe take a walk on the wild side auf dem Schminktisch der hohen Erwartungen duften staubig trocken Iris in Regenbogenfarben Birnen in einer Obstschale um den Makeupspiegel und weggeworfene Schalen von Mandarinen akribisch geschält an einem Stück Zimt liegt in der Luft dazu Pflaumen wie auf warmen Streuselkuchen frisch aus dem Ofen Reste hochprozentiger Getränke am Boden von Gläsern Wermutstropfen klebrig und zäh daneben Rosen der letzten bittersüßen Liaison an den Zähnen Lippenstift kirschrot verwischt Moschuswolken quellen über aufgerauten Rougepaletten Makeupschwämmchen in Tränenform über viel zu oft benutzen Puderquasten und struppigen Katzenzungenpinseln im Wäschekorb getragene Kostüme schwache Spuren von Schweiss vermischt mit der Süsse billiger Deosprays auf dem Linoleumboden Lederschnürstiefel frisch gewienert in Reih und Glied anstelle lackierter Fingernägel Krallen irgendwie katzenartig hier alles einen Tick zu dick aufgetragen wie ein Pelzmantel auf schwitziger Haut im Hochsommer gerade noch rechtzeitig rette ich eine Rose vorm Absinken in einem Glas mit Absinth wie absurd entfernt gedrungener Ablauf das Stück ist so gut wie zu Ende und die Souffleusen singen dout dout dout dout dout dout dout dout dout Epilog Nach all diesen verdichteten Klanglandschaften Duftnischen und Geschichten rieche ich am Ende des Abends meine gerettete Rose in der Nacht Rosa Gallica Königin der Blumen Mutter aller Rosen und älteste Rose überhaupt von dir stammen alle Arten ab die sich bis heute behaupten wildeste Wildrose mit dunkelgrünstem Laub ledrig und rau blühst nur einmal im Jahr richtig fünf Blütenblätter ganz wichtig für jeden der schnell an deinen Nektar will astrein deine Stacheln nicht Dornen eher Härchen wogend und weich rieche ich zu dir meiner Gallierin in Rosa weit und breit keinen Vergleich mit üppigem Wuchs florierenden Trieben und beim Teutates Hagebutten wie Hinkelsteine stehst du seit Urzeiten im Saft in kargem Boden wächst du auf zu den Bäumen wovon moderne Rosen nicht einmal im Traum wagen zu träumen dein Duft ist Zaubertrank kraftvoll rein und reich vereint mit Weihrauch und x Hölzern ein Mirakel der allerersten Morgenröte gleich Besetzung Jürgen Schmidt Vokalist Florian Vogel Violine & Synthesizer Steffen Hollenweger Kontrabass Markus Zink Schlagzeug & Elektronik

  • +49177. 78 79 458
  • Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
  • Impressum
  • Datenschutz