Meer davon

Strand Ich liege am Meer lasse mich gehn bin komisch anzusehn mit meiner unerhört schlampigen Figur und diesem Chanson im Ohr von Charles Aznavour der im Radio irgendwo hinter der Promenade gerade seine Liebesbeziehung zerstört heißhungrig hab ich mir in Fettpfannen ausgebacken mit Puderzucker und Zimt darauf Spritzgebäckschnecken bestellt die flogen ungelogen wie Frisbeescheiben in Zeitlupe durch Oliveiras kleine Spritzgebäckbudenwelt zu diesen Düften aus der Küche gesellen sich jetzt animalische Gerüche da muss man abwägen wie so oft an Stränden voller Algenschaum und Muschelfragmenten sowie aus Pottwalmägen trocken balsamisch tabakartig duftend Ambraklumpen eben dazu duftet von Tintenfischen nicht von Rochen der kreidige Geruch von Knochen die durch Frotteehandtuchschlingen dringend in meinen Rücken drücken große und kleine wie sie meine Oma früher für ihren Wellensittich in dessen Käfig hing als Schnabelwetzsteine eine schnurrende Katze nervt immer wieder fett auf meinem Gesicht wo ihr Fell meine Nase bedeckt wenn sie nicht gerade mit ihrer Zunge meine Ohrmuschel mies ausschleckt irgendwann hat die Katze auf mir keine Lust mehr auf Meer und verlässt ihr Revier in Richtung eines Schaustellerparkurs dahin folge ich ihr wo es Fahrgeschäftansager ohne zu lachen verstehen mit Sprüchen Wellen zu machen jetzt gehts ab hier jetzt gehts los immer wieder spitze dabei zu sein letzte Gelegenheit steigen sie ein und lösen sie ihren Fahrchip ohne Diskussion für diese maritime Teleportation Zeitmaschine Zeitmaschine Zeitmaschine 3-2-1: 1821 Schiff Verlassen und nass sitze ich achtern am Heck einer Karavelle in der Karibik kommandiert von Captain Jack Sparrow oder Captain Ahab keine Ahnung I don`t know die Decks schwer beladen es gehen kaum mehr Ballen und Fässer der süßen Graswurzel Vétiver die Fracht an Bord polarisiert wird sofort hochstilisiert ein Teil der Besatzung davon ganz high es duftet und klingt nach Meersalz Erde Holz und Meuterei ihren Wurzeln zu Ehren zelebrieren fast schon bekehren die Matrosen schanghait aus den Häfen von Haiti ihre Vétiver Voodoozeremonie mit Beats monoton wie das Klopfen der Macheten damit sich die Erde löst von den Roots wie von Wänden alte Tapeten die Meute movt die Gischt groovt selbst die Gallionsfigur ruft Vive le Vétiver und über all dem weht forciert von Passatwinden konkret diese Brise durch meinen rauschenden Bart und meine kurzgeschorene Frise die einfach nicht geht oder abflaut Salz und Vétiver auf meiner Haut Salz und Vétiver sag es mir laut Salz und Vétiver du Teufelskraut das Oberdeck hält sich bedeckt im Unterdeck wird Gras vercheckt überbordend der Beat Backbord echt der Sound Steuerbord übersteuert mit Recht gewinnt die Karavelle wieder an Fahrt Knoten um Knoten mehr Wurzelgeflecht Zeitmaschine Zeitmaschine Zeitmaschine 3-2-1: 2099 Halle In einer Hafenhalle in der Zukunft irgendwo am Meer spielt eine Kunstperformance abends von vergangenen Epochen als sieben Weltmeere starben leblos und leer die Installation präsentiert sieben quadratische Rahmen mit Latex bespannt über der Bühne hängend einst als Fangnetze bekannt oben an der Decke verkleidet als Fische erst schreiten dann knallen in die Rahmen mit den elastischen Fallen Mimen die sich danach sehnen auf Bühnen vehement mit Händen und Füßen zu winden und zu dehnen immer mehr Darsteller fallen von oben ins Netz ein schleichender Prozess mit Ausbeulungen bis zum Exzess das Latex zum Limit gedehnt längst hoffnungslos überfischt wogt auf und ab in der Gischt bis eine Blase nach der anderen platzt die Ausbeute zappelt von der Decke an den Füßen fixiert in engen Outfits ganzkörpergummiert nur ihre Nasen ins Freie gepresst zunächst noch vital in den Seilen bis einer nach dem anderen sich erschöpft hängen lässt durch die Hafenhalle schwebt zuvor im Atelier meterlang verklebt der Geruch wenn Latex kaputtgeht das duftet sauber clean durchaus frisch salzig maritim scharf noch dazu großartig komponiert durch Rosenoxid oder so umhüllt jetzt eine bizarr-sinnliche Süße die Show das erinnert an Atlantis mit seinen Mythen oder einfach nur an den Duft sich zersetzender Blüten Regisseur Darsteller und Gäste feiern mit weißer Weste und der Fangfrage im Raum wann lassen wir das Ausbeuten sein mal schaun Zeitmaschine Zeitmaschine Zeitmaschine 3-2-1: 1895 Insel Pazifik Polynesien in Tahiti steige ich wie ein Wilder aus der Zivilisation aus in Manier des Malers Paul Gauguin mit Haut und Haaren nur so entstehen diese wahren Bilder in seinem Paradies hier ich dachte es mir sieht man oft nackte Naive Maori Rückenakte ohne Perspektive dazu dekorative Farben und Formen mit Flächen gemischt ja darauf bin ich erpicht im Zuge der Malerei der für Expressionisten reserviert von hier in Richtung Moderne aufbricht vorbei an Gardenienblüten in den Haaren von Frauen an pinken Sandstränden weit fort werfe ich orangefarbenen Hunden herumliegende Pinsel zum Apport überall hier schmeichelt Jasmin mir hält an um ein Riechrendezvous wie Du bist eifersüchtig wann heiratest du so heißen zwei seiner Bilder sie gelten als Gauguins Aushängeschilder Regenwälder überwuchern Berge mit Farnen Hibiskus und Moos in Rosa in Gelb in Bordeaux rigoros klettert Tahiti-Vanille selbst Tonleitern empor von Pianos Kochbananen rot rundlich phänomenal treiben in Kokosmilch-Kaskaden aus den Bergwäldern ins Tal begrüßt von einem Komitee zarter weißer Blütenblätter Tiaré samt süßer Überschüsse an Fruchtfleisch frischer Kokosnüsse ein Sturm zieht auf Gegenwind bläst in mein Gesicht fetzt an meine Stirn mir ein Papier von Gauguin persönlich ein Denkzettel hier steht etwas drauf der Mittelpunkt meiner Kunst liegt in meinem Kopf und nirgendwo sonst ich bin stark wenn ich mich nicht von anderen verwirren lasse und dem folge was in mir ist Zeitmaschine Zeitmaschine Zeitmaschine 3-2-1: 1951 Bucht Willkommen in der Brandung der baltischen Bucht mitten in einem Zwist zweier Banden den Gekkos und den Zuckmücken die ihre Standpunkte gerade in einem Wortwechsel zurechtrücken beide Banden betonen diesen Boden immer schon zu bewohnen wo zu Urzeiten lange bevor die Ostsee einfloss der legendäre Bernsteinwald spross alle Bernsteine die heute noch angeschwommen kommen gehören unvoreingenommen nur den einen so denken Bersteinbandenbosse im Allgemeinen erst Recht die Gekkos ein verwegener Haufen behaupten ohne sie wäre damals im Bernsteinwald nichts gelaufen anstatt sich wie Zuckmücken in die Lüfte zu verdrücken hätten sie Kiefern und Eichen gekitzelt mit ihren Zungen einzeln und im Tross bis das Harz aus den Baumrinden schoss ihre Geschichte leuchte ein zeige zungenfertig mit Sprachgewalt jeden Gekko in der Gang als Lichtgestalt allerdings finden die Zuckmücken in der Argumentation noch Lücken und meinen alleine die Zuckungen ihrer Beine brachten die Bäume zum Schmachten so dass diese Bernsteine hervorbrachten sie hätten wohl gesehen aus den Lüften wie Bernsteine entstanden aus harzigen Düften aber auch die wahren Tricks und Methoden der Gekkos da unten am Boden von wegen Kitzeln der Baumrinden die Gekkos wollten nur am laufenden Band Ameisen finden so leicht ließen sich Zuckmücken keinen Bären aufbinden mit Lückengeschichten die mitnichten klingen würden wie von sprachgewaltigen Lichtgestalten und so lassen einen am Ende des Wortwechsels Gekkos und Zuckmücken zurück zwiegespalten wie sie tapfer in der Brandung leuchtend wie Neon hart Bernstein hochhalten Zeitmaschine Zeitmaschine Zeitmaschine 3-2-1: 1806 Schlacht Teleportiert in eine Frau alles andere als bieder in Gestalt von Moment Lady Emma Hamilton jetzt erinnere ich mich wieder vor Publikum vermochte ich mit Stil und einem Schal Figuren zu mimen sogenannte Attitüden was meinem Geliebten Admiral Lord Horatio Nelson unter anderem so an mir gefiel da 1805 vor einem Jahr in der Seeschlacht von Trafalgar ein Scharfschütze ihn erwischte kommt heute endlich geschickt in einer Kiste Persönliches von seinem Schiff der HMS Victory offenbar in dieser Kiste erkenne ich einen meiner vermissten Schals aus Leinen den hatte er getragen unter der Jacke um sein Herz gebunden er meinte sicher dadurch könnten ihn die Salven der Franzosen niemals verwunden das Tuch vor mir meine Augen zu tauche ich ein in den Stoff der diese Seeschlacht förmlich aufsoff auch ohne Augenwischerei blicke ich durch ich war oft mit ihm heimlich an Bord dabei meine Nase jetzt alleine im Leinen das sich klamm wogt und wellt rieche ich den vertrauten Duft von Limetten Horatios Rasierwasser das mir so gefällt auf die Zitrusfrüchte folgen schnell im Duell Metall- und Rauchnoten über Rettungsbooten und Kugeleinschlägen ich könnte sie verfluchen prasseln Holzsplitter auf mich nieder von Eichen, Ulmen und Buchen auch die krachenden Masten aus Tannen tangieren mich immer konkreter so wie die Schmauchspuren im Stoff stechend scharf brisant wie Holzkohlepulver Schwefel Salpeter Kanonaden Explosionen und Gezeter Millimeter um Millimeter wird der Schal für mich zur Qual mit Unbehagen muss meine Nase in seine runde Wunde ragen mit Hitze Wucht dem Projektil erzeugt dieses infantile Spiel immer wieder viel brutal zerstörtes Gewebe mein geliebter Admiral ich will nicht bitter klingen oder klagen ich könnte ja am Ende des Stücks noch die im Schal eingestickten Buchstaben aufsagen Rule Britannia Britannia rule the waves Britons never shall be slaves Besetzung Jürgen Schmidt Vokalist Florian Vogel Violine & Synthesizer Steffen Hollenweger Kontrabass Markus Zink Schlagzeug & Elektronik

  • +49177. 78 79 458
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